Die Berliner Wärmewende steht vor dem entscheidenden Durchbruch: Unter dem Dach des InfraLab Berlin diskutierten Expertinnen und Experten aus Politik, Verwaltung und Infrastrukturunternehmen über die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung der kommunalen Wärmeplanung. Mit der für Juni 2026 erwarteten Verabschiedung des Wärmeplans durch den Senat wandelt sich die Mammutaufgabe von einer theoretischen Fleißarbeit in ein praktisches Koordinations- und Umsetzungsprojekt.

Der Status Quo: Die Wärmeplanung auf der Zielgeraden
Berlin hat einen intensiven, rund dreijährigen Prozess hinter sich. Ein zentrales Ergebnis ist das neu geschaffene Wärmekataster, das die Stadt in konkrete voraussichtliche Wärmeversorgungsgebiete unterteilt. Neben Kernzonen für den Fernwärmeausbau und dezentralen Randgebieten rücken vor allem sogenannte „Prüfgebiete“ in den Fokus. Hier, wo eine hohe Wärmedichte herrscht, aber keine Fernwärme anliegt, sollen neue lokale Nahwärmenetze und innovative Quartierskonzepte entstehen.
Die größten Hebel und Herausforderungen für Berlin
Der Erfolg des Großprojekts hängt maßgeblich davon ab, wie effizient lokale Potenziale wie Abwasserwärme, Rechenzentren und Geothermie genutzt werden können. Alejandro Fannegas von der Berliner Energieagentur stellte konkrete Maßnahmensteckbriefe vor, die das InfraLab erarbeitet hat. Zu den Kernforderungen gehören:
- Eine zentrale Koordinierungsstelle Wärmewende als digitale Matchmaking-Plattform für Immobilieneigentümer.
- Verbindliche Antragskonferenzen zur Beschleunigung der Genehmigungsverfahren.
- Eine integrierte Baustellenkoordination unter einem zentralen Baustellenkoordinator, um die Akzeptanz in der Bevölkerung durch minimierte Verkehrsbehinderungen zu sichern.
Ein kontroverses, aber konstruktives Thema blieb der Schutz der Berliner Ressourcen. Während die Energieversorger zur Dekarbonisierung der Netze die Erschließung der tiefen Geothermie vorantreiben müssen, mahnten die Berliner Wasserbetriebe höchste Sorgfalt beim Schutz des wertvollen Berliner Grundwassers an, das im Gegensatz zu anderen Städten komplett ohne Chlor desinfiziert wird.
Stimmen aus der Praxis: Vertrauen, Rahmenbedingungen und der Blick nach vorn
Dass die Wärmewende nur gemeinschaftlich gelingen kann, spiegelte sich in den Diskussionsbeiträgen der Anwesenden wider.

Regina Gnirß (Leiterin Forschung und Entwicklung der Berliner Wasserbetriebe) betonte den Wert des gemeinsamen Austauschs im InfraLab, bei dem alle das gleiche Ziel verfolgen. Sie hob hervor, dass die enge Verzahnung aller Beteiligten das unkoordinierte Agieren der Vergangenheit ablöst:
„Ich würde mit dem Bild aufhören: Eine Glaskugel ist besser als mehrere. Dadurch bündeln wir die Kräfte und ich finde, das haben wir hier für das Thema sehr gut gezeigt.“
Auch Susanne Huneker (Leiterin Strategie, Politik und Regulierung bei der Berliner Energie und Wärme) plädierte für eine positive, visionäre Haltung bei der anstehenden Transformation, trotz der unvermeidbaren Unannehmlichkeiten wie aufgerissener Straßen:
„Es ist eine Zumutung, wenn Baustellen kommen. Es kann aber auch eine Riesenchance sein, und diese Kraft in was Neues zu investieren und nicht sozusagen nur den Behalt des Alten zu bekämpfen, das ist irgendwie eine Haltung hier im Infralab, die wir sehr schätzen.“
Einig war sich die Runde darin, dass es für die immensen Investitionen der Eigentümer und Versorger verlässliche Vorgaben von übergeordneter Stelle braucht. Udo Schlopsnis (Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt) nahm hierbei vor allem die Bundespolitik in die Pflicht und formulierte seinen Wunsch für die Zukunft der lokalen Netze in den Prüfgebieten:
„Ich würde mir wünschen, dass der Bund […] die entsprechenden Rahmenbedingungen […] so gestaltet, dass dies möglich wird im Sinne der Wärmewende.“
Fazit
Die Berliner Energietage haben einmal mehr verdeutlicht: Die Wärmewende ist kein Erkenntnisproblem mehr, sondern ein reines Umsetzungs- und Koordinationsprojekt. Berlin verfügt über die Konzepte, die Daten und den nötigen Kooperationswillen der Infrastrukturunternehmen. Nun liegt es an der Verlässlichkeit politischer Leitplanken und der Tatkraft bei der praktischen Umsetzung auf der Straße und in den Kellern der Hauptstadt.
Der vollständige Mitschnitt der Veranstaltung ist auf dem YouTube-Kanal des InfraLab Berlin e.V. unter folgender Adresse abrufbar: https://www.youtube.com/watch?v=70idp1o4wFg